Zeitzeugen-AG besucht die Gedenkstätte Grafeneck

Die Zeitzeugen-AG des Einstein-Gymnasiums hat am letzten Apriltag die ehemalige Tötungsanstalt Grafeneck besucht

Wer den Hintergrund des Ortes nicht kennt, könnte angetan sein von der ländlichen Idylle: Zwischen Blumenwiesen, Wäldern und kleinen Flüssen liegt das Schloss Grafeneck auf der Schwäbischen Alb auf einer Anhöhe bei Münsingen im Landkreis Reutlingen. Rechts und links einer alten Allee stehen hier heute eine Reihe von Gebäuden, die für behinderte und psychisch erkrankte Männer und Frauen Wohn- und Lebensraum sind. Die Samariterstiftung, die das Stift Grafeneck noch heute trägt, hatte den Komplex 1928 erworben und in dem Schloss damals bis zu 110 behinderte Männer betreut. Die Existenz dieses Heims in Grafeneck endete allerdings schlagartig im Oktober 1939, als das württembergische Innenministerium das Schloss beschlagnahmte und den Ort räumen ließ. In den folgenden Monaten firmierte er nun unter dem Namen „Landes-Pflegeanstalt Grafeneck“. Ein Standesamt wurde eingerichtet und eine kleinere Reihe von Um- und Neubauten in Sichtweite des Schlosses wurden vorgenommen. So baute man ein ehemaliges Back- und Waschhaus um, richtete es zum Schein mit Brauseköpfen und hölzerne Bänken und einem Sichtfenster zum verputzten Nebenraum ein: Nun konnte der Raum auf 48 Quadratmetern 75 Menschen fassen – das entsprach der Transportkapazität der drei Busse, die man ebenfalls angeschafft und grau angestrichen hatte.

Am 18. Januar 1940 begann das Morden in der Gaskammer in Grafeneck. Ab diesem Datum bis Dezember 1940 wurden aus Einrichtungen für Behinderte und psychisch Erkrankte mindestens 10654 Bewohner mit den grauen Bussen hierher deportiert. Auf der Anhöhe angekommen, wurden die Menschen, die aus zahllosen Landkreisen vor allem Badens und Württembergs kamen, sofort nach ihrer Ankunft vergast – ihre Unterbringung oder Pflege vor Ort waren nicht vorgesehen und es existierten ohnehin keine Gebäude hierfür: Grafeneck war im Rahmen des „Euthanasie“-Programmes als reine Tötungsanstalt konzipiert.

Die Zeitzeugen-AG suchte den Ort am letzten Apriltag auf. Gedenkstättenbegleiter Dieter Reichhold, der die Gruppe durch das Dokumentationszentrum und über das Gelände der Gedenkstätte führte, richtete zu Beginn seines Vortrags auch den Blick auf den gesellschaftlichen Wandel und die Ursprünge des Verbrechens: „Das Gedankengut der ‚Vernichtung unwerten Lebens‘ war bereits vor den Nationalsozialisten vorhanden.“ Intensiv setzte er sich auch mit der Dimension und dem Begriff des „staatlich arbeitsteiligen Verbrechens“ sowie den Motiven der Täter auseinander. Bei der Ermordung der insgesamt über 70.000 Menschen in sechs Tötungsanstalten, wovon Grafeneck die erste war und gleichsam den Prototyp lieferte, wirkten zahlreiche Personen und Stellen mit. So stellten z.B. Mitarbeiter im dafür eingerichteten Standesamt Sterbeurkunden aus und schrieben „Trostbriefe“ für Hinterbliebene, in denen sie falsche Todesursachen und Sterbedaten für die Opfer vermerkten. Ute Scherb, Leiterin von Archiv & Museum der Stadt, die die Einstein-Schüler nach Grafeneck begleitete, konnte in diesem Zusammenhang den Schülern verschiedene Schicksale von ermordeten Kehlerinnen und Kehlern anhand von eindrücklichen Zeugnissen näherbringen.

Der Umgang mit dem Verbrechen war und ist bis heute auch in Grafeneck ambivalent und beklemmend. Die Einrichtung einer Gedenkstätte und eines Dokumentationszentrums war ein langer Weg: Noch in den 60er Jahren wurde die ehemalige Gaskammer schlicht abgerissen, zwischen den heutigen Gebäuden erinnert hier lediglich eine verwitterte Tafel am Boden an die Lage. Eher abgeschottet leben wieder behinderte und psychisch erkrankte Menschen auf dem Gelände. Einer von ihnen schloss sich der Führung mit den Schülern zur zentralen Gedenkstätte an. Dort läuft durch die Mauer hinter einem Altar aus blauem Granit ein tiefer symbolischer Riss und das Dach darüber bildet ein Fünfeck – ein Hinweis auf die fünfte Gebot: „Du sollst nicht töten.“

[HBR]