Der Sonne entgegen - Studienfahrt nach Andalusien

Auf den herbstlichen Start in die erste Schulwoche und die am Horizont langsam aufziehenden Herausforderungen des Abiturjahres war es der folgerichtige Schritt: 24 Schülerinnen und Schülern begaben sich mit Frau Combrouze und Herrn Hillenbrand in die südlichste Region Spaniens auf die wahrscheinlich heißeste Studienfahrt in diesem September:

Andalusien hieß das Losungswort für alle, die dem nassgrauen Alltag entkommen wollten. Wer es sich am Flughafen bei Baden-Baden zuraunte, der hatte sich schon in Gedanken weit von Deutschland entfernt, klang doch bereits im Namen das maurische Erbe an, auf dessen Spuren unsere Gruppe in den folgenden Tagen immer wieder wandeln würde. Zwei Daten fielen bei Führungen und Ausflügen immer wieder:

711 eroberten die Mauren den größten Teil der iberischen Halbinsel und auch Málaga – den Dreh- und Angelpunkt der Studienfahrt. Während am Einstein-Gymnasium also das erste Herbstlaub durch die Straßen wehte, konnten die Schülerinnen und Schüler vor der Jugendherberge in Málaga angekommen die Zitronen von den Bäumen bei der hübschen Kirche am Plaza Pío pflücken. Ähnlich flink wie die maurischen Eroberer wurde die ganze Stadt darauf schnell in Besitz genommen. Strategisch und taktisch klug begann dies am Stadtstrand, wurde danach an der wunderschönen Hafenpromenade fortgesetzt und schließlich konnten auch die Altstadt mit der gewaltigen Kathedrale „Santa Iglesia Catedral Basílica de la Encarnación“ unserem Ansturm nicht widerstehen. Málaga entpuppte sich, wie auch der Stadtrundgang am nächsten Tag zeigte, als perfektes Lager für weitere Eroberungszüge: Seine Festungs- bzw. Burganlagen, Alcazaba und Castillo de Gibralfaro, boten einen wunderschönen Ausblick über Stadt und Meer und waren ihrerseits auch am Abend eine Freude für die Augen, wenn man von der Promenade auf den beleuchteten Höhenzug schaute. Ob phönizisches, römisches oder maurisches Erbe, ob Picasso-Museum oder das Centre Pompidou Málaga, ob Amphitheater oder Stierkampfarena, ob Schwimmen im Meer oder Einkaufen in der Stadt, Tapas-Bar oder Burger King (vermutlich ein keltisches Erbe) – Málaga hatte für jeden seine eigenen Reize und Höhepunkte. Spätestens am Abend fühlte man sich beim Gang über die polierten Marmorgassen der Altstadt wie ein Kalif, der allerdings nicht den letzten Bus zur Jugendherberge verpassen wollte und plötzlich wieder nach banalen Zahlen fragen musste („Ist das die 14?“). Unter Palmen und Zitronenbäumen nahm man die Wetterlage bei anderen Studienfahrten dagegen wie Botschaften von einem fernen Kontinent auf: Regen in der Toskana, rote Flaggen am Strand von St. Girons, Starkwind in Bratislava, Wolken über London – was  waren das für heidnische Plätze.

Das zweite zentrale Datum der maurischen Geschichte: 1492 endete die islamische Herrschaft in Spanien mit der Kapitulation Granadas. Auch diese Stadt musste natürlich in Besitz genommen werden und so führte der erste der beiden größeren Tagesausflüge zur Alhambra. Da die Führung erst am Nachmittag begann, hüpften wir leichtfüßig in die Stadt zum Mittagslunch hinab, um später beschwerlich wieder zur Stadtburg hochzukriechen, womit das arabische Sprichwort „Es gibt kein Bergab, ohne dass vor ihm ein Bergan ist“ doch noch seine Bestätigung fand. Entschädigt wurde unsere Gruppe allerdings mit dem bekannten Weltkulturerbe und Meisterwerk der maurischen Baukunst, das die Handyspeicher der Kameras an ihre Grenzen trieb. In den prächtigen Innenhöfen und verzierten Hallen, durch Wasser und Licht und riesige unüberschaubare Gärten spazierten wir und verlangten nur im Fall äußerster Erschöpfung „fünf spanische Minuten“ von der netten Führerin als Verschnaufpause.

Die dritte große Station der Studienfahrt war schließlich Sevilla: Nach den kühlen 32 Grad in Málaga (abends half nur ein Hemd oder leichter Pulli gegen die bittere Kälte an der Promenade) empfing uns die viertgrößte Stadt Spaniens mit angenehmen 35,5 Grad. Der kulturelle Schwerpunkt des Tages konzentrierte sich auf die Kathedrale von Sevilla, die größte gotische Kirche Spaniens und doch auch ein Hinweis auf das maurische Erbe, denn der umgearbeitete Glockenturm war einst das Minarett der Moschee, auf deren Standort die Kirche errichtet wurde. Unserer Führerin in Sevilla, eine Frau Puri, erhellte noch die Geschichte der monumentalen Kathedrale, in der Christoph Kolumbus (bzw. ein Teil von ihm) begraben liegt. Nachdem wir Frau Puri aber im Innenhof, dem historischen Orangengarten, bereits fürstlich entlohnt hatten, fiel das Niveau ihrer Führung rasch ab. Ihre letzten brauchbaren Hinweise beim Gang durch das Viertel Santa Cruz betrafen noch die Geschichte der jüdischen Minderheit, bevor sie uns in ein enges Häusergewirr und auf einen kleinen Platz dirigierte. Statt auf dem umwerfenden Plaza de España einer der wichtigsten Sehenswürdigkeiten Sevillas, endete ihre Führung hier abrupt mit dem Hinweis auf einen Souvenirshop, bei dem wir uns doch bedienen sollten. Bald darauf verschwand Frau ‚Schluri‘ wie eine Halluzination in der Wüste. Dass Sevilla sowohl für alle kulturellen und sinnlichen Genüsse ausreichend Gelegenheit bot, versteht sich von selbst und so verrann die Zeit unter den Sonnensegeln über den Straßengassen in Windeseile. In Reichweite des Goldturms, dem Torre del Oro, stiegen wir schließlich wieder in den Bus, um noch einmal den Sonnenuntergang an der Promenade von Málaga unter Palmen zu erleben. Ein letztes Mal wurden auch die Spanischkenntnisse auf den Prüfstand gestellt, die bisher bereits z.B. mit Busfahrern, Verkäufern, Händlern, Kellnern, dem Nachtportier und einer Polizeistreife erprobt wurden. Ein letztes Mal konnte man den Leuchtturm im Hafen von Blau auf Grün wechseln sehen und den südkoreanischen Studenten und seine Freundin, die uns am ersten Tag begegnet waren. Und ein letztes Mal konnte man sich Gedanken über die großartige maurische Kultur und Geschichte machen (z.B. legten die Mauren für die Christen und Juden das Alkoholverbot recht großzügig aus). Schließlich waren die schönen Tage in Andalusien zu Ende. Vergebens ist unsere Gruppe aber hoffentlich nicht nach Spanien gereist, sondern reich an unvergesslichen Erlebnissen und Eindrücken zurückgekehrt aus der vielleicht schönsten und bestimmt sonnigsten Region Europas.

 [HBR]