Die Welt zum Klingen gebracht – Theater-AG inszeniert mit „Orpheus“ ein packendes Schauspiel

Der Klang seines Namens weckt eine ganze Welt – „Orpheus“ lautete der Titel des neuen Stücks der Theater-AG am „Einstein“. Wie die Flüsse ihren Lauf in der antiken Sage verändern, um Orpheus‘ Gesang lauschen zu können, so strömten auch an zwei Abenden zahllose Zuschauer erwartungsvoll in die Stadthalle. Nach der erfolgreichen Premiere auf der großen Bühne im letzten Jahr beeindruckten die Mitwirkenden erneut mit ihrer selbst geschriebenen Inszenierung, die unter der Leitung Wolfgang Würthle in monatelanger Arbeit entstanden war. Sie gab der antiken Sage nicht nur eine lebendige, eigene Gestalt, sondern führte auch Schauspiel, Tanz, Musik und Gesang zu einem packenden Gesamtkunstwerk zusammen.

Wo fängt Orpheus‘ Geschichte an, wo endet sie? Ist das eine Geschichte von Verlust und unendlicher Leere? Von der Liebe, die den Tod besiegt hat? Oder doch von Trauer und Scheitern?

Der alte Mann (Marius Juncker), der zum Auftakt verbittert über die Bühne humpelte, stellte gleich entschieden fest: „Leben ist Schmerz!“. Zum Beweis erzählte er die Geschichte von Orpheus, konnte aber nicht verhindern, dass seine Pflegerin (Carolin Hauser) dem Publikum ihre Version entgegenhielt. So entstand bereits zu Beginn ein spannender Kontrast zwischen Unter- und Oberwelt, Comedy-Spaß und düsterer Tragödie, zwischen Witz und romantischer Liebe auf der einen, Leiden und Dunkelheit auf der anderen Seite. Da traten Hades (Lorna Kleinsorge) und Persephone (Melissa Albiez) in der satirischen Fassung als köstlich gestresstes Ehepaar auf, die mit ganz weltlichen Enttäuschungen leben mussten. So gelang Hades weder die Zerstörung von Theben („Der Olymp lacht sich kaputt. Ich bin der Depp. Und Zeus sagt, immer nur eine Stadt pro Jahr…“) noch war das Familienleben sorgenfrei: 

Die begriffsstutzige Beraterin Samantha (Juanita Tsamo) bereitete ebenso Probleme wie der im Leder-Outfit stolzierende Sohn Sebastian (Nathan Simeon), der ein auffälliges Faible für junge Männer zeigte beim Foltern. Zu allem Überfluss schien sein Opfer, Herr Masoch (Tibor Sohm-Michaux), auch noch Gefallen am Schmerz zu finden. Ergänzt wurde das exzentrische Personal durch den Familienhund Cerberus mit seinen sich mobbenden Köpfen (Phalita Wittkau sowie Daphné de Loth vs. Finn Strobl) und den langsamen Briefträger Charon (Marlene Schütterle). Zum lustigen Personal dieser Welt zählten auch weitere Figuren, die die Oberwelt belebten: Der abweisende Hirte (Aliya Geggus) ebenso wie das reimende Hippie-Orakel von Delphi (Pia Stoll) mit dem aufdringlichen Boten (Naya Knayer) und dem gestrengen Priester (Kaya Gilberg). Und nicht zu vergessen das große antike Helden-Duo aus dem frauenhaften Gerald (Marlene Tonnelier) und Power-Woman Sabrina (Scarlett Sainthillier), die auch ein Bindeglied zwischen den Fassungen herstellten.

Denn der heiteren Version stand eine dunkle, erschütternde Szenerie gegenüber: In dieser stechenden Unterwelt regierten Schmerz und Leiden und an dem unheimlich-düsteren Charon (Elias Bier), der seinen Kahn über den Nebel-Styx lenkte, führte kein Weg ohne Preis vorbei. Ein dämonischer Hades (Muriel Otto) genoss die Schreie der von Cerberus (Vincent Jehmlich) gequälten toten Seele (Lotte Saam). Lustvoll umtanzt von seinen Mädchen (Kaya Gilberg, Luca Szedresi, Naya Knayer, Sandra Ulutas, Aliya Geggus) raubten sie auch dem Publikum alle Hoffnung auf ein gutes Ende. Dem Abschied von seiner geheimnisvollen Persephone (Lara Balassa) an die von Licht und Wärme erfüllte Oberwelt, setzte Hades seinen schrecklichen Befehl entgegen: „Cerberus! Hol mir, was die Welt zum Klingen bringt.“

CERBERUS: Orpheus, Herr?

HADES: Nein, Cerberus, nicht Orpheus.

Wenn das Lied zum Schreie werden soll,

Dann musst du mir die Liebe holen.

Bring mir Eurydike!

Damit war der Kern des Stücks getroffen. Die Liebensgeschichte von Eurydike (Yen Vi Phan Ngoc) und Orpheus, die im Gespräch, im Spiel, Gesang und Tanz zueinander fanden. Der poetischen Fülle seiner Figur begegnete die Inszenierung mit einer Aufteilung auf vier Darsteller (Nils Sohm-Michaux, Max Wilhelm, Nils Ritzert, Alissia de la Porte des Vaux), die eine wunderbare Dynamik entfaltete, aber auch in tiefere Bedeutungsebenen führte. Denn je weiter Orpheus in die Unterwelt vorandrang, um die tote Eurydike wieder ins Leben zu führen, umso mehr verlor er sich selbst. Stück für Stück entfernte er sich von seinem früheren Selbst, opferte Gesang, Tanz und Spiel, brachte sogar seine Begleiter um, mutierte unweigerlich zu einem Schatten, der nicht mehr zu singen vermochte – und der Eurydike nicht mehr sehen konnte, selbst als sie ihn wieder umarmte. Ein Orpheus, der sich seinem Schmerz ergab, alt und verbittert wurde, um erst durch seine Pflegerin/Persephone seinen Irrtum vor Augen geführt zu bekommen: „Alter, dummer Orpheus, der den Schmerz zum Herrn seiner Welt machte. Der zu hassen, aber nicht zu lieben versteht.“ So gelang der Aufführung nicht nur eine letzte Wendung, sondern ein berührender Schlusspunkt, indem es dem alten Orpheus noch einmal gelang, zu singen und Eurydike in die Augen zu schauen.

Diese mal ins befreiend Komische aufsteigende, mal in die Verzweiflung hinabrasende Achterbahn an Emotionen begeisterte an zwei Abenden das Publikum in der Stadthalle. Neben den bemerkenswerten schauspielerischen Leistungen der Schülerinnen und Schüler, ihren Tanz- und Gesangeinlagen, die der antiken Sage neues Leben einhauchten, trugen im Hintergrund weitere Akteure zu der gelungenen Inszenierung bei: An Maske und Kostümen hatten begleitend zu den Proben unter der Leitung von Janeiris Geronimo Acosta (Jahrgangsstufe 2) Katharina Lang, Chiara Mnich, Diana Keller und Mélanie Plass gearbeitet. Und mit der Unterstützung von Martin Vukovic sorgte Niklas Achauer (der auch die Musik für den „Kampf in der Unterwelt“ komponiert hatte) für den Einsatz einer beeindruckenden Bühnentechnik. 

 Auch in diesem Jahr verliert die Theater-AG wieder altersbedingt einige Mitglieder, die an den Stücken der letzten Jahre in vielen Rollen mitgewirkt hatten. Ein schmerzlicher Verlust einerseits.

 „Und doch ist die Nacht der Anfang aller Dinge, Orpheus.“

 [HBR]